Kommt es bereits zum Knospenschwellen?
In den letzten Tagen gab es mehrfach Meldungen von Rebanlagen, in denen zum jetzigen Zeitpunkt die basalen Winterknospen bereits so aussehen wie sonst im März oder Anfang April. So auch bei Pinot Noir Reben in Wülflingen, wo an den untersten Augen der Triebe die äusseren Knospenschuppen bereits teilweise oder vollständig abgefallen sind. Die jetzt sichtbare weisse Wolle erinnert an das Knospenschwellen im Frühjahr. Weitere Sorten, die ein ähnliches Bild zeigen, sind Merlot und Souvignier gris. Bei Muscaris dagegen sind die Knospenschuppen noch vollständig geschlossen.
Winterruhe der Rebe
Rebknospen durchlaufen verschiedene Phasen der Winterruhe. Im Sommer sind die Winterknospen bereits angelegt, ihr Austrieb wird aber durch Signale anderer Pflanzenteile, insbesondere der aktiven Triebspitze, unterdrückt (Paradormanz).
Im Spätsommer und Herbst beginnt dann die sogenannte Endodormanz, ausgelöst durch kürzere Tageslängen und kühlere Temperaturen. Diese innere Wachstumshemmung verhindert den Austrieb selbst bei günstigen Temperaturen. Erst durch ausreichende Kälteeinwirkung wird diese Hemmung allmählich aufgehoben.
Anschliessend folgt die Ecodormanz. In dieser Phase wären die Knospen grundsätzlich zum Austrieb bereit, werden aber durch tiefe Aussentemperaturen zurückgehalten. Erst mit steigenden Temperaturen im Frühjahr beginnt dann die Knospenentwicklung und es kommt zum Austrieb.
Folgen für die Praxis
Von der Fachstelle Rebbau durchgeführte Beobachtungen an auffälligen Knospen (Knospenschnitte) zeigten keine erkennbaren Anzeichen einer beginnenden Entwicklung. Und aktuelle Temperaturauswertungen aus der Region deuten darauf hin, dass auch die Kälteakkumulation bis Ende Oktober noch zu gering war, um die Winterruhe zu brechen. Eine von der Pflanze gesteuerte Entwicklung scheint also eher unwahrscheinlich.
Wie kommt es also zu diesem Phänomen? Eine Hypothese ist, dass nach der langen Trockenperiode die Niederschläge im Herbst zu einem Quellen der Knospenschuppen geführt haben und diese dadurch abgefallen sind. Bestätigt ist dieser Zusammenhang jedoch nicht.
Die bisherigen Beobachtungen sprechen also nicht für einen tatsächlichen Austrieb. Unklar bleibt jedoch, ob der Verlust der Knospenschuppen die Frostempfindlichkeit erhöht. Auffällige Anlagen sollten im Laufe des Novembers unbedingt beobachtet werden. Verharren die Knospen im jetzigen Zustand, dürfte sich das Risiko von Knospenschäden in Grenzen halten, ganz auszuschliessen sind Ausfälle jedoch nicht.
Empfehlungen zum Rebschnitt
Für die Praxis stellt sich vor allem die Frage, wie beim Winterschnitt vorgegangen werden soll.
Generell wird für betroffene Anlagen oder Sorten ein später Winterschnitt empfohlen. Ein mögliches Vorgehen wäre z. B. ein Vorschnitt im Winter (Entfernen des alten Streckers) und der finale Schnitt möglichst spät im Frühjahr (bestenfalls nach Beginn der Knospenentwicklung). Kann mit dem finalen Schnitt nicht so lange zugewartet werden, sollte gegen Ende des Winters (Februar / März) eine Knospenkontrolle erfolgen. Dazu werden die Knospen längs aufgeschnitten und auf braune Verfärbungen oder abgestorbenes Gewebe geprüft.
Wo dies aus arbeitstechnischen Gründen nicht möglich ist, kann zur Sicherheit auch eine Frostreserve belassen werden, um allfällige Knospenausfälle zu kompensieren. Sorten und Lagen ohne Auffälligkeiten können normal geschnitten werden.