Vom Lehrer zum Coach

23.08.2019

Im Strickhof-Jahresbericht 2018 schreibt Direktor Ueli Voegeli, dass die Rolle der Lehrperson als reine Wissensvermittlerin definitiv vorbei sei. Heute müssten Lehrpersonen als Lernbegleiter und -förderer mit den Lernenden das Wissen werten, vernetzen und einordnen. Doch was bedeutet das konkret für die Lehrpersonen und für die Schülerinnen und Schüler am Strickhof? Welche Vorteile bringt das? Zu Beginn dieses Jahres fand deshalb zum Thema «Coaching in der Lernbegleitung» ein Weiterbildungsseminar für alle Lehrpersonen statt.

Im eigenen Tempo

Seminarleiterin Dr. Doris Ohnesorge zeigte auf, wie der klassische Unterricht heute auf den Kopf gestellt wird, genannt: das «umgedrehte Klassenzimmer». Früher stand im Unterricht die Wissensvermittlung im Fokus. Mit den Hausaufgaben konnte dieses Wissen geübt und angewendet werden. Beim umgedrehten Klassenzimmer eignen sich die Lernenden das Wissen zu Hause an, aufgrund entsprechender Aufgabenstellungen seitens der Lehrer. In der Schule wird dieses Wissen geübt und angewendet. Bei einem solchen Unterricht spielen neue Medien eine wichtige Rolle, können doch die Lernenden zu Hause mittels Lernvideos, Audiosequenzen und weiteren Lehrmitteln ich das Wissen aneignen. Wird im Klassenzimmer geübt, kann mithilfe digitaler Hilfsmittel individueller und im eigenen Tempo gearbeitet werden.

Unterlagen digital

Carsten Haase ist Berufsschullehrer im Bereich Lebensmitteltechnologie & Hortikultur am Strickhof in Au. Er gestaltet seinen Blockunterricht vorwiegend nach drei Lehrmethoden: SOL (selbstorganisiertes und kooperatives Lernen), Projektunterricht und Werkstätten. Da alle seine Schülerinnen und Schüler ihren eigenen Laptop zur Berufsschule mitbringen, stellt er sämtliche Unterlagen nur noch digital zur Verfügung und gestaltet den Unterricht mit den verschiedensten Tools. Sogar eine elektronische Wandtafel, ein Smartboard, wird eingesetzt. Carsten Haase lässt aber nicht wie im umgedrehten Klassenzimmer die Schüler zu Hause den Lernstoff selbst erarbeiten. Dafür hätten die Lehrlinge nebst der Arbeit im Betrieb zu wenig Zeit zur Verfügung.

Individuell gecoacht

Wie kommen solche neuen Unterrichtsmethoden bei den Lernenden an? Carsten Haase hat in den ersten beiden Jahren, in denen er verstärkt mit diesen neuen Methoden gearbeitet hat, am Ende des Schuljahres evaluiert. Die Meinungen der Lernenden waren sehr positiv. So war es nicht nur das Lernen im eigenen Tempo, das sie schätzten, sondern auch die frei wählbare Art, mit welcher sie dem Lehrer das angeeignete Wissen präsentieren konnten. Auch den individualisierten Unterricht haben sie geschätzt. So konnten sie beispielsweise in der Rohstoffkunde auswählen, welche Rohstoffe sie lernen wollten. «Da die Schüler aus den verschiedensten Zweigen der Lebensmittelindustrie kommen, ist das für sie ein klarer Vorteil. Was interessiert schliesslich jemanden aus der Schokoladenindustrie die Hefe!» erklärt Carsten Haase. Am meisten hätten die Lernenden das persönliche Coaching geschätzt und er ergänzt: «Ja, ich bin vollends zum Coach geworden.» Es gebe kaum noch Unterrichtssequenzen, in denen er klassischer Lehrer ist. Gerade bei den Attestausbildungen sei es wichtig, auf die verschiedenen Lerntempos und Bedürfnisse der Lernenden einzugehen.

Soziales Lernen fördern

Welche Vorteile haben diese neuen Unterrichtsmethoden? «Es geht darum, dass die Lernenden den Unterrichtstoff verstehen und ihn anwenden und nicht nur wiedergeben können», sagt Doris Ohnesorge. Mittels Fragestellungen sollen die Lernenden zum Denken und zum eigenen Verstehen angeregt werden. Statt dass die Lehrperson Lösungen vorgibt, entwickeln die Lernenden die Lösungen selbst – die Lehrperson steht als Coach zur Hilfe. Die Vorteile des umgedrehten Klassenzimmers lassen sich sehen: Die Lernenden lernen Verstehen und Anwenden, was wesentlich nachhaltiger wirkt als Auswendiglernen. Die neuen Unterrichtsformen, häufig auch in Form von Gruppenarbeiten, fördern das Soziale Lernen – «ein guter und idealer Ausgleich zum Gebrauch von neuen Medien», ist Doris Ohnesorge überzeugt. Später im Berufsleben sei Teamarbeit ebenfalls gefragt, das müsse gelernt werden.

Mehr Vorbereitung

Was bedeuten diese Veränderungen im Klassenzimmer für die Lehrpersonen? «Die Lehrpersonen brauchen verschiedene neue Kompetenzen: Beispielsweise die Coachingkompetenz», sagt Doris Ohnesorge. Es gilt, Übungen anzuleiten und die Lernenden zu begleiten und zu unterstützen, indem man sie als Lehrperson coacht. Statt Inhalte vorzugeben, begleitet die Lehrperson mit Fragen den Lernprozess und holt die Schüler dort ab, wo sie sich gerade im Lernprozess befinden. Auch muss der Unterricht anders geplant werden, was wiederum eine andere Vorbereitungszeit bedeutet. Insbesondere am Anfang sei die Vorbereitungszeit für Lernvideos, Lesestoff und Gruppenarbeiten höher. Sei es aber einmal erstellt, nehme die Vorbereitungszeit wieder ab, so Doris Ohnesorge. Für Carsten Haase sind die neuen Unterrichtsmethoden «eine tolle Sache». Natürlich bedeute es aber auch einen sehr grossen Aufwand, so viele Themen in einen Kompetenzraster oder anderes zu verpacken, die passenden Ressourcen herauszusuchen und vor allem auch das individuelle Coachen. Jeder Lernende habe stets irgendwelche Fragen und seine Tage seien dadurch sehr fordernd. «Ich muss ja auch ständig mit allem im Thema sein», sagt er. Er habe deshalb Methoden entwickelt, die ihm helfen. So hat er zum Beispiel eine «Beratungsinsel» mit Öffnungszeiten eingerichtet. Hier schreiben sich die Lernenden mit Namen und Thema ein, bei welchem sie Unterstützung brauchen. «Funktioniert wunderbar...»



Zusätzliche Informationen zum Inhalt

Public-Veranstaltungen